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Zocken im Börsenclub: Geteiltes Leid, doppelter Spaß
Tausende von Einsteigern sind in der Euphorie um den Neuen Markt
zu Spekulanten geworden - und schmoren nun im Vorhof der Hölle,
wie Börsenpapst Kostolany es nannte. Offenbar fürchten viele nicht
nur die Hitze dort, sondern auch die Einsamkeit: Nach Schätzungen
des Deutschen Aktieninstituts fachsimpeln
deutsche Anleger in mittlerweile in bis zu 10.000 Aktienclubs. Trotz
horrender Verluste ist die Begeisterung der Hobbyzocker ungebrochen.
Ein Phänomen, meint Rüdiger von Rosen, Präsident des Deutschen Aktieninsituts
(DAI): "Das Geld kommt endlich aus der Diskretionsecke heraus, die
Leute reden offen und aufgeschlossen über Branchen, Märkte und Anlagen".
Bis auf weiteres bleibt der Weg dabei das Ziel, das Thema spannender
als die Rendite, denn nur die konservativen Anlegervereine werden
richtig groß. Für Frank Meier vom Aktienclub Frechdax98 sind die Großen
im Grunde Finanzdienstleister: "Da können ja die Mitglieder auf
Investment-Entscheidungen gar keinen Einfluß nehmen," sagt er. In
seinem Club, bei den "Nemax-Killern" oder auch im "Fun Investment
Club" passen dagegen alle an einen Tisch. Jeder kann Vorschläge
machen, alle reden mit. Und das findet er auch gut so.
Aussteigen
lohnt sich nicht
Was allerdings auf die Gründung folgte, war für die meisten Vereinszocker
ein Jahr zwischen Größenwahn und Kapitulation. Alle Warnungen wurden
in den Wind geschossen, man träumte vom ganz großen Geld in ganz
kurzer Zeit - und landete ganz unsanft auf dem Boden der Tatsachen:
"Wir haben mächtig eins auf die Mütze gekriegt", resümiert Angelika
Seeburger vom Fun Investment Club in Hannover. Für's erste gilt:
Mitgefangen, mitgehangen: "Aussteigen lohnt sich jetzt einfach nicht.
Aber Spaß macht es immer noch - wenn man mal von 90 Prozent Verlusten
absieht". Sie trägt es mit Fassung.
Im März 1999 formierte sich der Fun Investment Club als erklärter
Spekulantenzirkel und als Gegenspieler zum "Hannover goes Europe".
Die Sparkasse hatte zur Gründung aufgerufen, doch einigen der Interessierten
war der konservativ engagierte Club schlicht zu trocken. Angelika
Seeburger :"Wir wollten wirklich mit Spaß in die neuen Märkte gehen,
Lifestyleaktien und so, bloß keine Standardwerte." Alle vier Wochen
trifft man sich zum Essen im Klubhaus des Hannoverschen Landtags
und läßt es sich gutgehen. Verluste drücken schon mal auf die Stimmung,
vereinzelt sei es sogar zu indirekten Schuldzuweisungen gekommen.
"Aber diese Miesepeter haben eigentlich keine Lobby im Club," sagt
sie.
Mangels Rendite steht auch bei den "Nemax-Killern" aus Hamm der
Spaß im Vordergrund. Die beiden Zocker Andreas Pöppel und Kumpel
Marc-André Duddek bilden die spekulative Vorhut im Börsenclub ihres
Tennisvereins. Zunächst ging es im "Rot-Weiß Young" um das gesellige
Überstehen der tennisarmen Winterpause. "Mit unserem Wissen und
Engagement kann man eigentlich nur auf die Schnauze fallen," sagt
Andras Pöppel . Die "megamäßigen" Gewinne lassen denn auch auf sich
warten, doch das Vertrauen in sein System ist ungebrochen: "Wenn
man Gewinne mitnimmt und Verluste minimiert, dann muss man langfristig
Gewinne machen."
Die Logik besticht - wenngleich im echten Leben der Erfolg eher
wie ein Sechser im Lotto über den Spieler kommt. Einen der seltenen
Volltreffer landeten etwa die Frechdaxe mit Softbank-Aktien. Ende
1997 waren sie mit den besten Vorsätzen und ganz solide mit DaimlerChrysler
gestartet, doch schnell lockte das große Geld am Neuen Markt. Zum
Kurs von 60 Euro erstanden, kletterte das Papier auf 1600 und wurde
prompt bei 1100 verkauft. Es folgte die legendäre "Softbank Sommersause",
ein Grillfest auf Kosten der Klubkasse, das sich kollektiven Gedächtnis
der Mitglieder für immer eingebrannt hat. Anlässe wie dieser kommen
so bald nicht wieder, da bleibt nur noch das "Firmen- und Vereinsschießen"
des örtliche Schützenvereins an, oder -im Team mit der Sparkasse-
der Boßelwettbewerb.
Glaube, Liebe, Hoffnung

Rüdiger von Rosen (DAI) |
144 Millionen Euro hat der Nemax im Jahr nach seinem Höchststand
verloren - und doch nimmt die Berg- und Talfahrt der Kurse eher
die Psyche der Anleger mit, als ihren Geldbeutel. Rüdiger von Rosen
vom DAI schätzt die Verluste der Anleger auf "gar nicht so gravierend",
denn viele hätten ihr Minus noch nicht realisiert, sprich: Die wertlosen
Lappen auch tatsächlich verkauft.
Das gleiche gilt allerdings für Gewinne. "Wir konnte den Hals einfach
nicht vollkriegen," erzählt Angelika Seeburger. "Keiner wollte loslassen,
wenn bei drei- oder vierhundert Prozent mal der Verkauf anstand."
Aktien des Softwareherstelleres Inktomi hatte der Klub für 60 Euro
erstanden und bei 390 behalten, jetzt steht das Papier bei 10 Euro.
Frechdax Frank Meier hat nach dem Softbank-Coup noch ein paar mal
mit Yahoo und Nokia gezockt. Das Spiel hat mit Softbank allerdings
kein zweites Mal funktioniert. Seine Lektion hat auch er gelernt:
"Man soll sich nicht in seine Aktien verlieben."
Verlorene
Gelder sind gewonnene Erfahrungen
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In der Online-
Börsenbundesliga der Zeitschrift Telebörse, einem Börsenspiel
mit virtuellen Investments, sind die vorderen Plätze ohne Ausnahme
von Neugründungen aus dem Frühjahr 2001 belegt. Wer letztes Jahr
schon dabei war, scheint chancenlos.
Mußte man ahnen, dass die Blase platzen würde? "Im Prinzip schon",
meint Angelika Seeburger: "Auf einen Crash von diesem Ausmaß waren
wir allerdings nicht vorbereitet." Dass die Unternehmen mit illusorischen
Prognosen arbeiteten, sehen altgediente Börsianer mitunter als
Betrug. Doch die Zockergilde am Neuen Markt bleibt da gelassen:
Verluste werden rückwirkend zu Lehrgeld erklärt, man zieht Konsequenzen.
Den Glauben an die Fundamentalanalyse haben die meisten verloren,
als Mittel der Wahl greifen sie für Anlegeentscheidungen zur Chartanalyse.
"Langsam lernt man, die Dinge besser einzuschätzen, man wird kritischer",
sagt Nemax-Killer Andreas Pöppel.
Und die Motivation leidet doch ein wenig unter der Misere, das
muss Frank Meier schließlich zugeben: "In der anfänglichen Euphorie
fühlten wir uns alle wie die Profis". Nun, da es immer schwieriger
wird, Aktien mit guten Charts zu finden, sind die Treffen der
Frechdaxe stiller geworden. Sogenannte Stopp-Loss-Marken werden
nun schon beim Kauf gesetzt und legen fest, bei welchem Kurs das
Papier wieder abgestoßen wird. Das mindert den Diskussionsbedarf.
Über Gewinne wurde hier immer sehr viel geredet. "Seit das nicht
mehr so läuft, läßt das Interesse doch etwas nach, man beschäftigt
sich nicht mehr ganz so intensiv mit dem Thema - obwohl das Gegenteil
richtig wäre," sagt Meier. Denn Profis kaufen jetzt ein.
Nur die hartgesottensten Daytrader bleiben auch in der Baisse
am Ball. Als Einzelkämpfer am PC ist zum Beispiel Jens Ammermann
in einem Jahr zum alten Hasen geworden. "Die Gier, die Angst,
das habe ich alles sehr kompakt in einem Jahr durchlebt. Jetzt
müßte eigentlich eine Seitwärtsbewegung kommen, damit ich das
auch noch erlebe," sagt der Student. Mit den anderen drei vom
Zweckbündnis Nemax-Wertpapierclub steht er nur per e-Mail in Kontakt,
der Neue Markt sei schlicht zu schnell und zu gefährlich, als
dass man da alles allein machen könne. "Ich kenne auch das Gefühl,
der Markt hat was gegen mich," sagt Ammermann, aber man müsse
klar sehen: "Nicht der Markt hat etwas falsch gemacht, sondern
ich."
Der Zynismus käme da von selbst, meint Ammermann, aber auch damit
könnte er am Ende allein sein. Die Nemax-Killer vertrauen jedenfalls
auf die Kraft des positiven Denkens: "Wir haben bisher immer weiter
investiert", sagt Andreas Pöppel: Offensichtlich sind wir Optimisten."
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