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Tomorrow Business
 
19.07.2001

   aktien & fonds
 
 
DONNERSTAG19.07.200123:04

Zocken im Börsenclub: Geteiltes Leid, doppelter Spaß

Tausende von Einsteigern sind in der Euphorie um den Neuen Markt zu Spekulanten geworden - und schmoren nun im Vorhof der Hölle, wie Börsenpapst Kostolany es nannte. Offenbar fürchten viele nicht nur die Hitze dort, sondern auch die Einsamkeit: Nach Schätzungen des Deutschen Aktieninstituts fachsimpeln deutsche Anleger in mittlerweile in bis zu 10.000 Aktienclubs. Trotz horrender Verluste ist die Begeisterung der Hobbyzocker ungebrochen. Ein Phänomen, meint Rüdiger von Rosen, Präsident des Deutschen Aktieninsituts (DAI): "Das Geld kommt endlich aus der Diskretionsecke heraus, die Leute reden offen und aufgeschlossen über Branchen, Märkte und Anlagen".

Bis auf weiteres bleibt der Weg dabei das Ziel, das Thema spannender als die Rendite, denn nur die konservativen Anlegervereine werden richtig groß. Für Frank Meier vom Aktienclub Frechdax98 sind die Großen im Grunde Finanzdienstleister: "Da können ja die Mitglieder auf Investment-Entscheidungen gar keinen Einfluß nehmen," sagt er. In seinem Club, bei den "Nemax-Killern" oder auch im "Fun Investment Club" passen dagegen alle an einen Tisch. Jeder kann Vorschläge machen, alle reden mit. Und das findet er auch gut so.

Aussteigen lohnt sich nicht

Was allerdings auf die Gründung folgte, war für die meisten Vereinszocker ein Jahr zwischen Größenwahn und Kapitulation. Alle Warnungen wurden in den Wind geschossen, man träumte vom ganz großen Geld in ganz kurzer Zeit - und landete ganz unsanft auf dem Boden der Tatsachen: "Wir haben mächtig eins auf die Mütze gekriegt", resümiert Angelika Seeburger vom Fun Investment Club in Hannover. Für's erste gilt: Mitgefangen, mitgehangen: "Aussteigen lohnt sich jetzt einfach nicht. Aber Spaß macht es immer noch - wenn man mal von 90 Prozent Verlusten absieht". Sie trägt es mit Fassung.

Im März 1999 formierte sich der Fun Investment Club als erklärter Spekulantenzirkel und als Gegenspieler zum "Hannover goes Europe". Die Sparkasse hatte zur Gründung aufgerufen, doch einigen der Interessierten war der konservativ engagierte Club schlicht zu trocken. Angelika Seeburger :"Wir wollten wirklich mit Spaß in die neuen Märkte gehen, Lifestyleaktien und so, bloß keine Standardwerte." Alle vier Wochen trifft man sich zum Essen im Klubhaus des Hannoverschen Landtags und läßt es sich gutgehen. Verluste drücken schon mal auf die Stimmung, vereinzelt sei es sogar zu indirekten Schuldzuweisungen gekommen. "Aber diese Miesepeter haben eigentlich keine Lobby im Club," sagt sie.

Mangels Rendite steht auch bei den "Nemax-Killern" aus Hamm der Spaß im Vordergrund. Die beiden Zocker Andreas Pöppel und Kumpel Marc-André Duddek bilden die spekulative Vorhut im Börsenclub ihres Tennisvereins. Zunächst ging es im "Rot-Weiß Young" um das gesellige Überstehen der tennisarmen Winterpause. "Mit unserem Wissen und Engagement kann man eigentlich nur auf die Schnauze fallen," sagt Andras Pöppel . Die "megamäßigen" Gewinne lassen denn auch auf sich warten, doch das Vertrauen in sein System ist ungebrochen: "Wenn man Gewinne mitnimmt und Verluste minimiert, dann muss man langfristig Gewinne machen."

Die Logik besticht - wenngleich im echten Leben der Erfolg eher wie ein Sechser im Lotto über den Spieler kommt. Einen der seltenen Volltreffer landeten etwa die Frechdaxe mit Softbank-Aktien. Ende 1997 waren sie mit den besten Vorsätzen und ganz solide mit DaimlerChrysler gestartet, doch schnell lockte das große Geld am Neuen Markt. Zum Kurs von 60 Euro erstanden, kletterte das Papier auf 1600 und wurde prompt bei 1100 verkauft. Es folgte die legendäre "Softbank Sommersause", ein Grillfest auf Kosten der Klubkasse, das sich kollektiven Gedächtnis der Mitglieder für immer eingebrannt hat. Anlässe wie dieser kommen so bald nicht wieder, da bleibt nur noch das "Firmen- und Vereinsschießen" des örtliche Schützenvereins an, oder -im Team mit der Sparkasse- der Boßelwettbewerb.

Glaube, Liebe, Hoffnung


Rüdiger von Rosen (DAI)
144 Millionen Euro hat der Nemax im Jahr nach seinem Höchststand verloren - und doch nimmt die Berg- und Talfahrt der Kurse eher die Psyche der Anleger mit, als ihren Geldbeutel. Rüdiger von Rosen vom DAI schätzt die Verluste der Anleger auf "gar nicht so gravierend", denn viele hätten ihr Minus noch nicht realisiert, sprich: Die wertlosen Lappen auch tatsächlich verkauft.

Das gleiche gilt allerdings für Gewinne. "Wir konnte den Hals einfach nicht vollkriegen," erzählt Angelika Seeburger. "Keiner wollte loslassen, wenn bei drei- oder vierhundert Prozent mal der Verkauf anstand." Aktien des Softwareherstelleres Inktomi hatte der Klub für 60 Euro erstanden und bei 390 behalten, jetzt steht das Papier bei 10 Euro. Frechdax Frank Meier hat nach dem Softbank-Coup noch ein paar mal mit Yahoo und Nokia gezockt. Das Spiel hat mit Softbank allerdings kein zweites Mal funktioniert. Seine Lektion hat auch er gelernt: "Man soll sich nicht in seine Aktien verlieben."

Verlorene Gelder sind gewonnene Erfahrungen

In der Online-
Börsenbundesliga
der Zeitschrift Telebörse, einem Börsenspiel mit virtuellen Investments, sind die vorderen Plätze ohne Ausnahme von Neugründungen aus dem Frühjahr 2001 belegt. Wer letztes Jahr schon dabei war, scheint chancenlos.

Mußte man ahnen, dass die Blase platzen würde? "Im Prinzip schon", meint Angelika Seeburger: "Auf einen Crash von diesem Ausmaß waren wir allerdings nicht vorbereitet." Dass die Unternehmen mit illusorischen Prognosen arbeiteten, sehen altgediente Börsianer mitunter als Betrug. Doch die Zockergilde am Neuen Markt bleibt da gelassen: Verluste werden rückwirkend zu Lehrgeld erklärt, man zieht Konsequenzen. Den Glauben an die Fundamentalanalyse haben die meisten verloren, als Mittel der Wahl greifen sie für Anlegeentscheidungen zur Chartanalyse. "Langsam lernt man, die Dinge besser einzuschätzen, man wird kritischer", sagt Nemax-Killer Andreas Pöppel.

Und die Motivation leidet doch ein wenig unter der Misere, das muss Frank Meier schließlich zugeben: "In der anfänglichen Euphorie fühlten wir uns alle wie die Profis". Nun, da es immer schwieriger wird, Aktien mit guten Charts zu finden, sind die Treffen der Frechdaxe stiller geworden. Sogenannte Stopp-Loss-Marken werden nun schon beim Kauf gesetzt und legen fest, bei welchem Kurs das Papier wieder abgestoßen wird. Das mindert den Diskussionsbedarf. Über Gewinne wurde hier immer sehr viel geredet. "Seit das nicht mehr so läuft, läßt das Interesse doch etwas nach, man beschäftigt sich nicht mehr ganz so intensiv mit dem Thema - obwohl das Gegenteil richtig wäre," sagt Meier. Denn Profis kaufen jetzt ein.

Nur die hartgesottensten Daytrader bleiben auch in der Baisse am Ball. Als Einzelkämpfer am PC ist zum Beispiel Jens Ammermann in einem Jahr zum alten Hasen geworden. "Die Gier, die Angst, das habe ich alles sehr kompakt in einem Jahr durchlebt. Jetzt müßte eigentlich eine Seitwärtsbewegung kommen, damit ich das auch noch erlebe," sagt der Student. Mit den anderen drei vom Zweckbündnis Nemax-Wertpapierclub steht er nur per e-Mail in Kontakt, der Neue Markt sei schlicht zu schnell und zu gefährlich, als dass man da alles allein machen könne. "Ich kenne auch das Gefühl, der Markt hat was gegen mich," sagt Ammermann, aber man müsse klar sehen: "Nicht der Markt hat etwas falsch gemacht, sondern ich."
Der Zynismus käme da von selbst, meint Ammermann, aber auch damit könnte er am Ende allein sein. Die Nemax-Killer vertrauen jedenfalls auf die Kraft des positiven Denkens: "Wir haben bisher immer weiter investiert", sagt Andreas Pöppel: Offensichtlich sind wir Optimisten."